Schachverein Oberkochen

                                                                                                                 Schach ist das schnellste Spiel der Welt, weil man in jeder Sekunde Tausende von Gedanken ordnen muss. (Albert Einstein)

 

Die Legende von den Weizenkörnern

Ich , Hamoun, spreche wieder zu euch, ihr Schüler und zukünftigen Meister, die ihr bereits einiges über unser wunderbares Spiel gelernt habt. Ich berichte euch, wie der König den Brahmanen zu sich rufen ließ, der er war so angetan von dem neuen Zeitvertreib, dass er kaum noch von ihm lassen konnte. „Weiser Mann“ sprach er zu ihm, als Sissa in den Palast geführt wurde. „Dafür, dass du dieses uns alle so erfreuende Spiel erfunden und uns geschenkt hast, hast du einen Wunsch frei.

Gleich, was es sei, es wird dir erfüllt.“ Der Brahmane bedankte sich, neigte den Kopf und schien in tiefes Nachdenken versunken. „Nun was ist es?“ fragte der König. „Willst du Gold, Edelsteine?“ Sissa schüttelte lächelnd den Kopf.

„Land, ein Schloss, Sklaven? Was begehrst du?“ 

Der Weise sprach: „Wenn ich eine Bitte äußern dürfte, gnädigster König, so legt mir auf das erste Feld dieses Schachbretts ein Weizenkorn, auf das  zweite zwei Körner, auf das dritte vier Körner, auf das vierte acht und weiter jeweils doppelt so viele Körner wie auf dem vorherigen Feld, bis zum 64. Feld.“ 

„Ist das alles?“, fragte der König unwillig. Denn, er war, wie wir wissen, ein sehr mächtiger König. Diese vermeintlich kleine Bitte kam in seinen königlichen Augen einer Beleidigung gleich. „Brahmane“, sprach er drohend. „Ich werde dich mit all deiner Weisheit in den Kerker werfen lassen, wenn du dir nicht einen besseren Wunsch einfallen lässt. Wir haben die Macht, jeden zu erfüllen.“ 

Sissa  jedoch beharrte weiter lächelnd auf die Weizenkorngabe. Der König, der eine Partie mit seinem Ratgeber weiterspielen wollte, gab nach und wies den Verwalter der königlichen Kornspeicher an, dass Korn für den Brahmanen zu holen. Nach Stunden kehrte der Verwalter zurück, in seinem Gefolge der königliche Mathematiker und dessen beide Schüler, die große Schreibtafeln bei sich trugen, vollgeschrieben mit langen Zahlenkolonen. „Oh, mein König“, rief der Verwalter erschüttert aus. „Wir können diesen Wunsch nicht erfüllen!“ 

„Was sagst du da?“ Der König sah unwillig von seinem Schachbrett auf, denn er war gerade im Begriff, seinen Gegner in zwei Zügen Matt zu setzten. „In unserem Reich gibt es nicht genügend Weizenkörner um den Wunsch des Brahmanen zu erfüllen.“ „Du bist entlassen, unfähiger Dummkopf“, rief der König erbost aus. 

„Eure Majestät gestatten untertänigst…“, mischte sich der vom König sehr geschätzte Hofmathematiker ein. „… nicht nur in Eurem Reich, in der ganzen Welt gibt es nicht so viel Korn um das Schachbrett auf diese Weise zu bedecken. Wir haben es errechnet, mein König.“ Er wies auf seine Gehilfen, welche ihre Tafeln mit den Zahlen hochhielten. Der König und sein Wesir blickten fassungslos. „Es ist eine so unvorstellbar große Zahl“, fuhr der Mathematiker fort, „dass ihr Euer ganzes Reich mit einer zehn Meter hohen Schicht Weizenkörner bedecken könntet.“ Ihr könnt es glauben liebe Schüler.

Denn diese Zahl wurde seit jener Zeit oft überprüft und von Computern nachgerechnet. Sie lautet: 18.446.744.073.709.551.615, das sind zwei hoch 64 minus 1. In Worten ausgedrückt:  18 Trillionen 446 Billiarden 744 Billionen 73 Milliarden 709 Millionen 551 Tausend und 615. Man stelle sich heute einen Güterzug vor, bei dem jeder Waggon mit 20 Tonnen Körnern beladen wäre. Dieser Zug bräuchte, wenn er mit 80 Stundenkilometern an uns vorbeiführe, ganze 570 Jahre; dann erst wäre der letzte Waggon verschwunden...
„Wir können deinen Wunsch nicht erfüllen“ , sprach der König zu dem Brahmanen. „Ich weiß“, sagte dieser lächelnd. „So nenne uns eine andere Bitte, die wir erfüllen können.“ „Das ist nicht notwendig“, erwiderte der Weise. „Es ist mir Freude und Anerkennung genug, wenn Ihr, mein König, und alle eure Würdenträger und Generäle und bald auch die einfachen Leute, die dieses Spiel spielen und lieben werden, auf diese Weise die unendliche Vielfalt und Tiefe des Schachs erkannt habt.“